
Räuchern zur Rau(ch)nacht
Am 4. Januar hat unser Museum zusammen mit Naturpädagogin Sieglinde Schuster-Hiebl eingeladen zum Raunachtsspaziergang in Waldperlach. Bei strahlendem Sonnenschein auf dünner Schneedecke, doch zapfigen -5°C selbst am helllichten Tag ist das eine Aktion für ein überschaubares Grüppchen Hartgesottener. Dieses aber freut sich, sibirisch vermummt, auf eine stärkende Räucherung in Vorfreude auf das kommende Jahr 2026.

Wir stapfen los ins „Gefilde„, ein Teil des rekultivierten Wäldchens unweit der ehemaligen Kiesgrube Roth, die ihren Betrieb in den 1980er Jahren eingestellt hat.
Die 12 Raunächte sind die Nächte zwischen Weihnachten und dem Fest der Heiligen Drei Könige (6. Januar); gelegentlich wird die Nacht vor der Wintersonnenwende (21./22. Dezember) – das historische keltische Julfest – auch dazu gezählt. Schon die frühen Völker erkannten die kalendarische Ausnahmesituation: Das Sonnenjahr hat 365 Tage – das Jahr aus 12 Mondmonaten („Mondjahr“) aber nur 354. In der „toten Zeit“ dazwischen – die zugleich die dunkelste Zeit des Jahres ist – wurde einst im Volksglauben angenommen, dass die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt seien und sich die Grenzen zu anderen Welten öffnen. Die Seelen der Verstorbenen, Geister und Dämonen haben Ausgang.
Seit dem Frühmittelalter gibt es unzählige Bräuche, die Geister zu beschwören und auszutreiben, vom lärmenden Perchtenlaufen im alpenländischen Raum bis zu Julbock-Ritualen in Skandinavien. Warum thematisieren wir das? – hat es doch nichts mit einer Apotheke und unserem Museum zu tun. Kommen wir aber zurück zur Etymologie der Raunacht – gemeint ist nämlich in Wirklichkeit eine Rauchnacht. Das ist wiederum doppeldeutig, könnte sie doch zurückgehen auf mittelhochdeutsch rûch (= haarig) und andeuten, dass die Dämonen mit Fell bekleidete Gestalten waren, oder aber den Weihrauch meinen, mit dem traditionell tagsüber in dieser Zeit Haus und Ställe schützend und reinigend geräuchert wurden, um nachts die Unholde fernzuhalten. Weihrauch – das Harz von afrikanisch-arabischen Boswellia-Bäumen – das landläufig allenfalls aus der Kirche bekannt ist, wurde früher in Apotheken pulverisiert als Grundstoff für die Herstellung von Salben und Tinkturen gegen Hautentzündungen bereit gehalten. In der modernen Pharmazie wird Boswelliasäure heute in Fertigmedikamenten gegen Arthrose und andere entzündliche Schmerzzustände verarbeitet. Ähnlich wurde einst Myrrhe verwendet – das Harz von einem anderen, dornigen somalischen Balsambaumgewächs (Commiphora). Beide Drogen wurden als kompakte getrocknete Bröckchen auch als Räucherware in den Apotheken verkauft. Unser Museum verfügt über Standgefäße aus dem 19. Jahrhundert.

Um die schützende Kraft des Räucherns zu spüren, muss man nicht an Geister glauben. Sehen wir es doch ganz praktisch: Die Natur ruht – und auch wir ruhen in der Weihnachtspause bis zum Dreikönigstag, haben Zeit, in uns zu gehen und uns zu sammeln für das neue Jahr. Wir halten Rückschau, was gut gelaufen ist in 2025 und was noch besser werden kann im nächsten Jahr. Dazu begeben wir uns an eine Bank, wo Sieglinde die Zutaten für die Mischung auf einer Decke ausbreitet. Weihrauch (Olibanum) in unserer Dose aus dem 19.Jahrhundert – Originalsubstanz! –, Myrrhe und dazu typische reinigende und klärende Räucherkräuter, im Sommer selbst gesammelt und getrocknet aus unserem Apothekengarten, u. a. Beifuß, Salbei und als individuelle Besonderheit Johanniskraut (als Lichtkraut zur Herbeiführung und Unterstützung einer sonnigen Stimmung). Zur gesundheitlichen Wirkung des Johanniskrauts sind einigen Teilnehmern noch die Inhalte unserer letzten Sommerkräuterführung bekannt.
Alsbald glüht die Räucherkohle und wir können wir die Mischung auflegen.

Der duftende Rauch geht in der klirrend kalten Luft kerzengerade nach oben und nimmt alle negativen Gedanken des Vorjahres mit. Früher glaubte man, der Rauch trage die Altlasten und Wünsche hinauf zu den Göttern. Sieglinde reicht die Räucherschale herum und lässt so die Zuversicht für das neue Jahr an uns heran.
Abgerundet wird unsere Räucherung durch einen Spaziergang zum so genannten „keltischen“ Steinkreis. Bei den letzten Sonnenstrahlen erzähle ich noch etwas zu bekannten prähistorischen Steinkreisen wie Stonehenge, The Hurlers, The Merry Maidens und anderen, die, um 3.000 v. Chr. oder noch früher vor allem im angelsächsischen Raum entstanden, viel älter sind als das Volk der Kelten, das erst mit der Hallstatt-Zeit um 1000 v.Chr. in Europa nachweisbar ist. Die Kelten nutzten die vorgefundenen Anlagen, deren Zweck unklar ist – Grabstätte,Gerichtsstätte oder Sonnenheiligtum / Kalender? – wohl zu ihren eigenen Jahreskreis-Festen, zu denen teilweise auch geräuchert wurde. Vieles wissen wir aber nicht genau, da uns diese Sonnen- und Mondfeste, die ich anhand einer Übersichts-Zeichnung erkläre, nur durch die Brille der römischen Geschichtsschreibung, der Interpretation des Neopaganismus aus dem 19.Jahrhundert und der modernen Interpretation erhaltener Volksfeste zugänglich sind.

Wir wollen das heute offen lassen und schließen mit einem Blick auf den Steinkreis in der untergehenden Sonne …. wen stört`s, dass das nur ein Fake eines Freisinger Landschaftsarchitekturbüros ist, das in den Jahren 2002-2005 zur Neugestaltung des „Gefildes“ beauftragt wurde? Ein naher zweiter Steinkreis derselben Firma ist als Bodensteinkreis im Schnee kaum zu erkennen. Einen Moment ruhig auf den Platten zu stehen und die Augen zu schließen, untermauert die Standfestigkeit im neuen Jahr 2026. Schnell wird es im Schatten aber wirklich empfindlich kalt, und so gehen wir zufrieden gestärkt alsbald nach Hause.