Besuch im Deutschen Museum

Unser Apothekarium ist im Großraum München und Umgebung das einzige Apothekenmuseum. Das verwundert ein wenig, denn ansonsten gibt es in München für wirklich alles ein Museum und nicht selten eines von Weltrang. So ganz weiß war der Fleck auf der Landkarte aber dann doch nicht, denn das Deutsche Museum hat seit 1925 eine nachgebaute historische Apotheke. Quasi eine Art Museum im Museum – jedoch 2018 abgebaut mit zunächst ungewisser Zukunft. Denn im Rahmen des großen Renovierungsprojekts (2006 – 2028) wurde die Ausstellung „Pharmazie“ neu konzipiert, und für die Apotheke war kein Platz mehr vorgesehen. Zum Glück fand man aber in der „Gesundheit“ noch einen freien Raum im hinterletzten Winkel des Gebäudes: ganz nach oben, soweit es geht, dann ganz nach hinten durch, soweit man kommt – das ist die Wegbeschreibung.

An diesem Wochenende fand nun die große Wiedereröffnungsfeier nach Fertigstellung der ersten Hälfte des Renovierungsprojekts statt, und die Apotheke war mit dabei! Also hieß es nichts wie hin und sich ins Getümmel werfen im Vertrauen darauf, dass a) die Maske dicht hält und b) die meisten Leute nicht bis zur Apotheke kommen. Und so war es dann auch: wenn man sich erstmal durch Roboter, Flugzeuge und den Weltraum gekämpft und einiges an Höhe gewonnen hat, wird es deutlich entspannter.

Um es vorwegzunehmen: die neue Präsentation ist zwar die alte, aber in einem kleineren und besser beleuchteten Raum, so dass man näher am Geschehen ist. Den Aufbau empfinde ich außerdem als logischer und auch viel attraktiver als zuvor, insofern ein echter Gewinn für die Besucher.

Neue Präsentation – klasse!

Die Schränke und der Rezepturtisch sind allerdings keine originären Apothekenmöbel, sondern sie wurden 1925 – angeblich nach dem Vorbild der 1736 gegründeten, reichsunmittelbaren Klosterapotheke St. Emmeram in Regensburg – nachgebaut. Wo die Original-Möbel dieser Apotheke abgeblieben sind und warum man nicht sie verwendet hat, scheint niemand zu wissen. Den Besuchern wird’s egal sein, denn die Möbel machen viel her, jedoch vom wissenschaftlichen Anspruch geht da mehr. Auch der Einhornkopf und das Deckengemälde sind „erfunden“, aber der Rest ist dann wirklich original.

Etwa 100 Fayencen aus der Klosterapotheke St. Emmeram wurden dem Museum gestiftet, und viele davon werden auch präsentiert. Hergestellt wohl in Nürnberg im 18. Jahrhundert, dazu kommen noch ein paar Exemplare aus Spanien und Italien. Generell würde ich aber sagen, die italienischen Albarelli im Bayrischen Nationalmuseum sind, wenn auch deutlich weniger, so doch qualitativ eine Klasse besser.

Zum Kloster ist zu sagen, dass es 1810 nach der Säkularisation an den bayerischen Staat fiel und die Apotheke im Anschluss privatisiert wurde. Bis 1853 (letzter Apotheker Karl-Heinrich Popp) ist sie dokumentiert – der Verbleib des Mobiliars liegt aber im Dunkeln. Die Stiftung des Inventars markiert den Beginn der pharmazeutischen Sammlung im Deutschen Museum, die in der Folge durch Exponate aus anderen Apotheken ergänzt wurde.

Porzellangefäß im Deutschen Museum

Ein großer Bestand an Gläsern mit interessanten Substanzen und Tektur fällt sofort ins Auge, ich vermute, dass diese ebenfalls aus St. Emmeram stammen. Die emailbemalten Gläser, die Zinndosen und eine große Serie von Porzellantöpfen sind teilweise zu weit weg, um sie richtig ansehen zu können. Aber es sind auf jeden Fall interessante Dekore dabei, unter anderem eine ganze Serie Vierkantflaschen mit schwarzer(!) Kartusche.

Die Highlights für mich waren die Nymphenburger Porzellangefäße aus der Hofapotheke der Münchner Residenz von ca. 1780 sowie die beiden Waagenhalter auf dem Rezepturtisch. Es gibt auch einen wirklich tollen gotischen Mörser und eine Reihe schöner Holzdosen, viele davon aus dem 18. Jahrhundert, einige vielleicht sogar noch älter.

Nur schade, dass es nicht das in Barockapotheken übliche Krokodil gibt und auch die geschnitzten Schlangen nicht über dem Rezepturtisch hängen, wo sie eigentlich hingehören. Am Eingang zur Ausstellung, wo sie aktuell präsentiert werden, wirken sie ein wenig beliebig. Es wird nicht klar, dass solch ein Dekorationselement keinesfalls zur Standardaustattung einer Apotheke gehörte, sondern zu allen Zeiten etwas Besonderes war.

Holzdosen im Deutschen Museum

Abgesehen von den genannten Punkten, die ja zum Teil auch eine Frage des persönlichen Geschmacks sind, liegt das größte Verbesserungspotential in der Dokumentation. Diese ist natürlich nicht für ein Fachpublikum geschrieben, sondern für die typische Laufkundschaft eines allgemeinen naturwissenschaftlichen Museums. Dementsprechend erfährt man kaum etwas über die einzelnen Gegenstände, und es gibt auch keinen Katalog zum Nachlesen. Wie man hört, wurden in den letzten Jahren nicht nur die Wände, sondern auch die Mittel gestrichen, so dass wissenschaftliche Arbeit an dieser Stelle wohl schwierig ist.

Bewegungsmelder an der Decke
Verhinderer ungetrübten Kunstgenusses

Zum Schluss noch ein praktischer Hinweis für schreckhafte Charaktere: bei allzu großer Begeisterung für die Exponate ertönt eine unfreundliche Stimme, die den Besucher zurückpfeift. Wer sich also zwecks besserer Sicht über das Geländer beugen möchte, der sollte zunächst die Positionen der Bewegungsmelder an der Decke studieren.

Insgesamt also eine erlebnisreiche Ausstellung, die richtigerweise nicht im Depot verschwunden ist. Einige Objekte sind von erheblicher kunsthistorischer Bedeutung und das gesamte Ensemble sicherlich auch ein optisches Highlight im ansonsten eher nüchternen Gesundheitstrakt.