Jesus Christus und das Kräuterbuch

Über das Bildmotiv „Christus als Apotheker“ haben wir schon öfter berichtet, aber nun können wir eine kunsthistorisch einzigartige Neuentdeckung vermelden. Im auch ansonsten sehr empfehlenswerten Bergbau- und Gotikmuseum Leogang befindet sich ein kleiner Schatz: eine Bildtafel von 40 x 33 cm, Öl auf Holz, die Jesus Christus als Apotheker mit einem Kräuterbuch zeigt. In der traditionellen sakralen Malerei gibt es praktisch keine Parallelen, in denen Jesus ein genuin weltliches Buch hält. Ein solches Buch bricht radikal mit dem theologischen Kern der christlichen Ikonografie.

In der Kunst der Frühen Neuzeit ist Christus das Wort Gottes selbst. Ein Buch in seiner Hand ist kein Attribut des Lesenden, sondern das Attribut des Offenbarenden. Christus lernt nicht, er lehrt. Wenn er ein Buch hält, ist es per Definition die Heilige Schrift oder das Buch des Lebens. Würde Jesus ein weltliches Buch halten (z. B. einen juristischen Text, eine antike Chronik oder ein reines Fachbuch), so würde das seine göttliche Allwissenheit visuell untergraben. Es würde implizieren, dass Christus von menschlichem Wissen abhängig ist oder sich daraus belehren lässt. Das galt theologisch als undenkbar.

Hier ist jedoch eindeutig ein Kräuterbuch abgebildet im klassischen Layout der Werke von Leonhart Fuchs (1543) oder Pietro Andrea Mattioli (1563). Entweder war sich der Auftraggeber des Gemäldes dieser potenziellen Infragestellung göttlichen Allwissens gar nicht bewusst, oder er wollte eine Art himmlisches Kräuterbuch dargestellt wissen – von der Existenz eines solchen Werkes haben wir allerdings in keinem anderen Zusammenhang je gehört.

Es gibt aber noch weitere Auffälligkeiten wie beispielsweise das völlige Fehlen von Bibelzitaten oder anderen lesbaren Texten, was bei diesem Bildtypus so gut wie nie vorkommt. Fast immer finden wir Matthäus 11,281 und häufig auch 9,122 oder Jesaja 55,13 – hier aber sind sogar die Beschriftungen der Gefäße mit den christlichen Tugenden nur angedeutet.

Und schließlich bleibt auch der konfessionelle Hintergrund unklar, denn die segende Geste ist zweifellos katholisch, wohingegen das weltliche Buch und die mit Pflanzenteilen gefüllten Waagschalen eindeutig auf den protestantischen Arbeitsethos Bezug nehmen. Entstand dieses Bild vielleicht in einer Region mit sowohl katholischen als auch protestantischen Einflüssen? Im Zuge des Westfälischen Friedens von 1648 wurden einige wenige Teile des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation als explizit bikonfessionell definiert, weitere Gebiete schlossen sich inoffiziell an und gewährten de facto die (zumindest christliche) Religionsfreiheit. Teilweise wurden sogar Kirchen simultan genutzt und weltliche Gremien paritätisch besetzt.

Wenn wir dieses Gemälde um 1700 datieren und von einer süddeutschen Herkunft ausgehen wollen, so kämen in erster Linie die paritätischen Reichsstädte in Frage: Augsburg, Biberach, Ravensburg, Dinkelsbühl, Leutkirch und Kaufbeuren. Bei einer nördlicheren Verortung wären die Grafschaft Wertheim oder das Fürstbistum Osnabrück denkbar. Auch in der weitgehend katholischen Habsburgermonarchie gab es Zugeständnisse an die Lutheraner, z. B. in Schlesien, Ungarn oder Siebenbürgen.

Konsistent mit dieser Datierung wären auch die Vorratsgefäße im Hintergrund (Holzdosen und Spanbehälter, eine Glasflasche): Sie zeigen nicht die üppigen Barock- oder Rokoko-Kartuschen wie sie ab der Mitte des 18. Jahrhunderts üblich waren, sondern schlichte Quer- und Schrägbänder wie man sie davor hatte.

Wie also sollen wir dieses Bild verstehen? Normalerweise wird „Christus als Apotheker“ dem Bereich der Gnaden- und Andachtsbilder zugeordnet. Aber mit Ausnahme des Kreuznimbus und der segnenden Geste Jesu fehlt hier jegliche religiöse Symbolik. Es gibt keine erbaulichen Texte zu lesen, und wie die Standgefäße beschriftet sind, bleibt offen. Die malerische Qualität der Bildtafel deutet auf einen durchaus versierten und professionellen Maler hin, dem man sicherlich zutrauen kann, hier eine genau durchdachte Komposition geschaffen zu haben.

War das Bild vielleicht gar nicht für eine Kirche gedacht, sondern eher für ein weltliches Setting? Befinden wir uns hier in einer Wunderkammer? Oder sollte eine reale Apotheke aufgewertet werden mit einer Art Zunftgemälde4? In der Epoche der Aufklärung wuchs jedenfalls das Bedürfnis, die Naturwissenschaft aus den starren Fesseln der dogmatischen Konfessionskämpfe zu lösen.

Die minimalistische religiöse Kennzeichnung beschränkt sich darauf den Protagonisten eindeutig zu identifizieren und der Rest ist schlicht und einfach eine Genreszene.

Diese Bildfindung ist typisch für die Zunft- und Berufsallegorien der Frühen Neuzeit: dabei wurde die eigene Tätigkeit überhöht, indem Christus selbst als idealer Ausüber des eigenen Handwerks dargestellt wird. Insbesondere die Zimmerleute pflegten diese Verbindung zu Christus, der bei seinem Vater Joseph das Zimmererhandwerk gelernt haben soll5. Wenn also Christus selbst Kräuter abwiegt und ein Kräuterbuch benutzt, dann wird auch das Apothekerhandwerk zu einer quasi sakralen, von Christus vorgezeichneten Tätigkeit.

Die religiös fundamentierte Eigenwerbung einer Zunft sprach verschiedene Zielgruppen an:

  • Kunden: Je frommer eine Gemeinschaft in der Frühen Neuzeit auftrat, desto ehrbarer und vertrauenswürdiger war sie im geschäftlichen Alltag.
  • Herrscher: Das Handwerk stand in der ständischen Hierarchie lange Zeit unter dem Adel und dem Klerus. Indem die Zünfte zeigten, dass Christus selbst körperliche Arbeit verrichtet hatte, werteten sie ihren eigenen Stand massiv auf.
  • Zünfte: Innerhalb einer Stadt herrschte oft erbitterter Streit zwischen den verschiedenen Gilden um Vorrechte, Sitze im Stadtrat und Prestige. Eine prachtvolle Kapelle oder ein Altarbild, das Christus in den eigenen Berufsalltag einbettete, zeigte der Konkurrenz: Seht her, Christus steht uns näher als euch.

Eine Berufsallegorie mit religiöser Beglaubigungsfunktion also? Oder doch einfach nur ein ungewöhnlich nüchternes Andachtsbild?

Fest steht jedenfalls, dass wir ein faszinierendes Gemälde vor uns haben, das sich deutlich von den anderen Werken dieses Themas unterscheidet. Der Schöpfer oder Auftraggeber hatte scheinbar keinerlei Interesse an religiöser Belehrung, aber auch keine Skrupel, Jesus Christus als Werbefigur einzusetzen für sein persönliches Narrativ.

Bis zum 13. September ist das Bild im Apothekarium zu sehen.

  1. Kombt her zu mihr alle die ihr müheselig seyd und beladen, ich will euch erquicken.
  2. Die Starcken bedürffen des Arztes nicht, sondern die Krancken.
  3. Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser, und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kauffet und esset; kommt her und kaufft ohn Geld und umsonst, beide Wein und Milch.
  4. Vergleiche etwa die „Heilandsapotheke“ von Johannes Dicel (ca. 1725), die dieser für seine eigene Apotheke malte und die heute in der Dorfkirche Seebach hängt. Andere Gemälde dieses Typs wanderten hingegen von einer Kirche in eine Apotheke.
  5. Wahrscheinlich ein Übersetzungsfehler: Joseph war nicht Zimmermann (es gab kaum Wälder in Galiläa, Häuser wurden aus Stein und Lehm gebaut), sondern eher ein Allround-Handwerker oder Bauarbeiter. Bibelübersetzer wie Luther orientierten sich an ihrer eigenen Lebenswelt: Im waldreichen Mitteleuropa war Holz der primäre Baustoff für Häuser.

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